Frei geben, frei werden

In der Praxis eines Berliner Facharztes für Pränataldiagnostik hängt im Wartezimmer ein Gedicht von Gerhard Kiefel (dessen Bücher allesamt vergriffen zu sein scheinen). Es richtet sich zunächst einmal an die Eltern, betrifft aber bei genauerem Hinsehen durchaus die Kinder, die heranwachsen und ihr eigenes Leben zu leben haben.

An meine Eltern


Manchmal denke ich nach und sinne und frage,
warum ich da bin. -
Ob Ihr wohl wisst,
dass ich Euch anvertraut bin
für einige Jahre,
aber nicht Euer Besitz ?
Ihr habt mich nicht so,
wie man sich Dinge anschafft
und dann mit ihnen umgeht,
solange sie einem gefallen.
Euch gehöre ich nur,
soweit Ihr mich Euch vertraut macht
und Verantwortung übernehmt für mein Leben. -
Meine Eltern,
wenn ich älter werde und anders,
als Ihr es gewünscht habt
wenn Ihr bemerkt,
dass mit mir ein anderes Leben begann,
auch ein fremdes, das Eurem Leben nicht gleicht -
werdet mir Freunde,
die mich bejahen, so wie ich bin.
Schenkt mir Liebe,
die annimmt, vertraut und begleitet,
damit ich sie lerne
und mutig werde zu schenken. -
Mein Vater und meine Mutter,
wenn Ihr mich freigebt aus Liebe,
Kann ich mich finden und Euch und das Leben.
Sonst nicht.

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Vater sein

Väter sind in der Krise, schon seit längerem. Zuerst brachte sie die feministische Wende in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ins Schleudern, dann wurden und werden sie von den gesteigerten Arbeitsanforderungen im Beruf so eingezwängt, dass sie kaum noch Zeit für ihre Söhne und Töchter haben. Darüber hinaus sind – nach den Kindern – vor allem sie die Opfer der rasant angestiegenen Scheidungsraten. Denn nur eine Minderzahl der geschiedenen Väter hat gleichberechtigten Umgang mit seinen Kindern. Die Mehrzahl muss sich mit dem Schicksal des Wochenendpapis zufrieden geben, der zweimal im Monat zwischen Sonnabend früh und Sonntag Abend kostbare Zeit mit dem Sohn oder der Tochter verbringt.

Dabei ist die Anwesenheit des Vaters für Söhne und Töchter enorm wichtig. Denn er bestätigt den Jungen in seiner Identität, er bietet dem Mädchen die Möglichkeit, das Andere zu entdecken.

Wenn die Mutter die weiche (und manchmal auch vereinnahmende) Seite der elterlichen Liebe repräsentiert, dann ist der Vater für stützende, fordernde (und manchmal auch autoritäre) Liebe zuständig. Der Vater ist es, der das Kind neckt, kleine verwirrende Spiele spielt und, sofern er es nicht überfordert, das Kind lehrt, sich an Neues zu gewöhnen und Lösungen für Probleme zu finden.

Die Väter vor allem sind es, die zu Körperspielen anregen. Kinder lernen dadurch Respekt und die Beachtung von Regeln, sie lernen, ihre Gefühle zu regulieren und mit den Gefühlen anderer Menschen umzugehen. So öffnet der Umgang mit dem Vater auch Weg in die Gruppe der Gleichaltrigen, zunächst im Kindergarten, später in der Schule.

Typischerweise sind es die Väter, die zu bestimmten Handlungen auffordern und bei der Realisierung einer Aufgabe unterstützen. Väter fragen eher nach dem Wie? Was? und Wo?, während Mutter gern Fragen stellen, die mit einem schlichten Ja oder Nein zu beantworten sind.

Der französische Wissenschaftler Jean Le Camus beschreibt in seinem 2001 auf Deutsch erschienenem Buch ,Väter‘, dass Kinder bereits zwei Monate nach der Geburt unterschiedlich auf Vater und Mutter reagieren. „Väter, die sich von den Müttern unterscheiden, neigen dazu, das Interesse des Kindes aufrecht zu erhalten, auf seine Forderungen zu reagieren und Spielzeug auch sozial einzusetzen. Das Kind wird weniger abhängig von den Erwachsenen. Solche Kinder fühlen sich sicherer, weinen weniger.“

Le Camus kommt zu dem Schluss, dass den Namen Vater und Mutter Eltern nur verdienen, wenn sie das Kind zu sich nehmen, es schützen und versorgen, wie es das zu seiner Entwicklung braucht und sich Tag für Tag um seine Erziehung kümmern. Jeder kann sich dann Vater und Mutter nennen. Vater und Mutter sein entspricht konkretem Handeln, das eine Liebeshandlung darstellt. Alles andere ist pure Fantasie.“

Darum geht es für die Väter von heute: Das Recht behaupten, voll und ganz Vater zu sein. Und das heißt, das Recht auf konkretes Handeln, auf konkreten Umgang mit den eigenen Kindern zu behaupten. Alles andere ist in der Tat pure Fantasie und pures Geschwätz.

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